Profil und Evaluation

Namensgeber

Romain Rolland (1915)

Romain Rolland (* 29. Januar 1866 in Clamecy, Département Nièvre; † 30. Dezember 1944 in Vézelay, Burgund) war ein französischer Schriftsteller, Musikkritiker und Pazifist. Er wurde 1915 als dritter Franzose mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

Rolland war Sohn eines Notars und erhielt eine bürgerliche Erziehung und Bildung. Im Alter von elf Jahren begann er zu schreiben. Daneben begeisterte er sich unter Anleitung seiner sehr musikalischen Mutter früh für Musik.

1880 verkaufte der Vater seine Kanzlei, und die Familie zog nach Paris, um dem Jungen bessere Möglichkeiten zu verschaffen, sich in Vorbereitungsklassen auf die Zulassungsprüfung (concours) zur École Normale Supérieure (ENS), der französischen Eliteschule für die Lehramtsfächer an Gymnasien (Lycées), vorzubereiten. Nach Ablegung des Schlussexamens (Licence) und erfolgreich absolvierter Einstellungsprüfung (Agrégation) für das Amt eines Gymnasialprofessors für Geschichte ließ er sich sofort beurlauben und ging für zwei Jahre (1889–1891) als Stipendiat an die Ecole française de Rome, um dort Material für eine musikhistorische Doktorarbeit (Thèse) über die Geschichte der Oper vor Lully und Scarlatti zu sammeln. Zurück in Paris nahm er 1892 eine Teilzeitstelle am Traditionsgymnasium Lycée Henri IV an und heiratete. Nachdem er 1895 seine Thèse abgeschlossen und die dazugehörige Prüfung (Soutenance) absolviert hatte, ließ er sich als Dozent für Kunstgeschichte an die ENS abordnen und später (1904) als Dozent für Musikgeschichte an die Sorbonne versetzen. Seine kinderlos gebliebene Ehe wurde 1901 geschieden.

In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg unternahm Rolland viele, teils längere Bildungsreisen durch West- und Mitteleuropa, verbrachte oft mehrmonatige Arbeitsurlaube in der Schweiz und schrieb erzählende Texte, Essays, musik- und kunsthistorische Schriften sowie Biografien, zum Beispiel Beethovens, Michelangelos, Händels oder Tolstois; ebenfalls in dieser Zeit entstand das Fragment einer Biografie von Georges Bizet. Die zahlreichen Dramen, die er daneben verfasste, blieben weiterhin lange Zeit unpubliziert bzw. ungespielt. Die ersten angenommenen und aufgeführten Stücke waren 1898 Aërt und Les Loups. Letzteres war das erste aus einem über 40 Jahre hinweg fortgesetzten und schließlich achtteiligen Dramenzyklus, der als eine Art Epos der französischen Revolution betrachtet werden kann. Die weiteren Stücke darin sind Danton, Le Triomphe de la raison, Le Quatorze-Juillet, Le Jeu de l’amour et de la mort, Pâques fleuries, Les Léonides und Robespierre.

1912 gab er seine Professur auf, um freier Schriftsteller zu werden; 1913/14 verfasste er Colas Breugnon, einen kürzeren historischen Roman in Form eines (fiktiven) Tagebuchs aus den Jahren 1616/17.

Schon 1903 jedoch begann Rolland das Werk, das ihn bekannt machen sollte: den 10-bändigen „roman-fleuve“ Jean-Christophe. Titelheld ist der (fiktive) deutsche Komponist Johann-Christoph Krafft, der als junger Mann nach Frankreich gelangt, sich dort mit Hilfe eines französischen Freundes assimiliert und so in seiner Musik quasi die ihm angeborene „deutsche Energie“ mit „französischen Geist“ verbinden und veredeln kann. Der Jean-Christophe war ein großer Erfolg und brachte ihm 1915 den Nobelpreis. Nach 1918 wurde er auch von den nicht wenigen frankophilen Deutschen geschätzt, die des Geredes von der deutsch-französischen Erbfeindschaft überdrüssig waren und auf Verständigung zwischen beiden Völkern setzten.

Der Erste Weltkrieg überraschte Rolland in der Schweiz. Bestürzt sah er in ihm einen Untergang Europas. Er entschloss sich, in der Schweiz zu bleiben, wo er unzensiert publizieren konnte. Er engagierte sich vom Oktober 1914 bis Juli 1915 als Freiwilliger bei der Internationalen Zentralstelle für Kriegsgefangene des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Genf. Er arbeitete in der Unterabteilung Zivile Internierte, die sich um die Zusammenführung von Zivilgefangenen mit ihren Familien, der Suche nach Vermissten und der Weiterleitung von Briefen an die Angehörigen kümmerte. Daneben veröffentlichte er im Journal de Genève die kriegskritische Artikelserie Au-dessus de la mêlée (deutsch Über dem Schlachtgetümmel), in der er die kriegsführenden Parteien scharf dafür kritisierte, dass sie um jeden Preis einen Sieg anstrebten und einen Verhandlungsfrieden ausschlossen. Über den Kriegsparteien stehend, versuchte Rolland, sowohl nach Frankreich hineinzuwirken (wo man ihn wegen angeblich unpatriotischer Haltung als einen „inneren Feind“ betrachtete) als auch nach Deutschland (wo man ihn kaum hörte). Nachdem seine Artikelserie im Jahre 1915 als Buch erschienen war, fand sie in der zweiten Kriegshälfte größere Verbreitung. Sie wurde nun rasch in mehrere europäische Sprachen übersetzt – allerdings nicht ins Deutsche – und hatte neben dem Roman Jean-Christophe großen Anteil daran, dass Rolland 1916 für eine nachträgliche Vergabe des Literaturnobelpreises von 1915 ausersehen wurde – „als Anerkennung für den hohen Idealismus seines dichterischen Werkes und für die Wärme und Wahrhaftigkeit, mit der er die Menschen in ihrer Verschiedenartigkeit dargestellt hat“. Die Hälfte des Preisgeldes stiftete er der Internationalen Zentralstelle für Kriegsgefangene des IKRK.

Wegen seiner Kritik an der Kriegspolitik beider Lager, denen er mit zunehmender Dauer des Krieges vorwarf, sich selbst im Falle eines Sieges zu zerstören, wurde Rolland zu einer Symbolfigur der transnationalen Antikriegs- und der internationalen Arbeiterbewegung während des Ersten Weltkrieges. Als Lenin im April 1917 aus dem Schweizer Exil nach Russland abreiste, beauftragte er den Sozialisten Henri Guilbeaux, Rolland ins revolutionäre Russland einzuladen. Unter Berufung auf seine Unabhängigkeit als „intellektueller Wächter“ über den Parteien lehnte Rolland das Angebot ab. Stefan Zweig trifft Romain Rolland während des Ersten Weltkrieges in der Schweiz und ist von dessen Person und Arbeit überwältigt.

Nach dem Krieg initiierte er 1919 mit Henri Barbusse die Gruppe Clarté, eine Friedensbewegung linker Intellektueller, und die gleichnamige Zeitschrift. 1923 war er Mitgründer der Zeitschrift Europe, die sich insbesondere für eine Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland einsetzte. Auch der Roman Clérambault, histoire d’une conscience libre pendant la guerre von 1920 ist Ausdruck seines transnationalen Pazifismus. Anfang der 1920-er Jahre nahm Rolland, neben einer umfangreichen publizistischen Tätigkeit, wieder ein größeres Romanprojekt in Angriff: L’Âme enchantée (deutsch Die verzauberte Seele), dessen vier Teile in drei Bänden von 1922 bis 1933 erschienen. Die Handlung erstreckt sich von ca. 1890 bis ca. 1930 und erzählt die Geschichte einer Frau, die es akzeptiert, ledige Mutter zu sein, und sich so zunächst gesellschaftlich, dann durch ein linksgerichtetes aktives Engagement politisch und schließlich in einer mystischen Spiritualität religiös emanzipiert. Diese Entwicklung spiegelt in gewissem Umfang die des Autors, der sich nach dem Krieg links engagiert hatte und sich daneben mit Indien und dessen geistigen und religiösen Traditionen zu beschäftigen begonnen hatte, woraus unter anderen 1923 eine Artikelserie über Mahatma Gandhi entstand, die 1925 in dem Buch Gandhi in Südafrika - Mohandas Karemchand Gandhi, ein indischer Patriot in Südafrika erschien.

1934 heiratete Rolland die russische Übersetzerin seiner Werke, Maria Kudaschewa, mit der er seit 1923 in Kontakt stand. 1937 zog er sich in den burgundischen Wallfahrtsort Vézelay zurück, wo er seinen Lebensabend zu verbringen gedachte. Hier schrieb er an seinen Memoiren, vollendete unter anderen die 1924 begonnene Geschichte seiner Kindheit Voyage intérieur und ein schon lange in Arbeit befindliches Buch über den Autor Charles Péguy. Anfang November 1944 reiste er trotz Krankheit ein letztes Mal nach Paris, das im August von der deutschen Armee aufgegeben worden war, um dort an einem Empfang in der sowjetischen Botschaft teilzunehmen. Zurück in Vézelay erlebte er noch die fast vollständige Befreiung Frankreichs zum Jahresende 1944.

Nach seinem Tod erschienen seine umfangreiche und vielfältige Korrespondenz sowie die Tagebücher. Zahlreiche Werke sind in den Jahrzehnten seither nachgedruckt worden, in Deutschland etwa 1977 der Johann Christof und 1994 die Tolstoi-Biographie.

(Nach Wikipedia, berarbeitet von Felix Schechter am 21. September 2019)